"Die Lernenden schätzen die Möglichkeit, mit den für ihre Lebenswelt typischen Medien zu arbeiten."

Ingrid Darmann-Finck

An Pflegeschulen gehört das Lernen mit digitalen Medien inzwischen zum Alltag. Allerdings werden die Potenziale des eLearning bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Das BMBF-geförderte Projekt CARO ("Care Reflection Online") setzt an dieser Stelle an und arbeitet an der Entwicklung und Erprobung einer fallbasierten, multimedialen Lernumgebung für die Pflegeausbildung.

Gegenüber qualifizierungdigital.de geben Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck und Prof. Dr. Karsten D. Wolf von der Universität Bremen Auskunft über das im Mai 2016 - mit dreijähriger Laufzeit - gestartete Projekt CARO.

qualifizierungdigital.de: Mit welcher Zielsetzung ist das Projekt CARO 2016 gestartet?​

Darmann-Finck: Ziel ist es, pflege- und mediendidaktisch fundierte Lehr-/Lernmodule für die Pflegeausbildung sowie ein interaktives Classroom-Management-System (CMS) zur Unterstützung von Lern-, Interaktions- und Reflexionsprozessen im Pflegepräsenzunterricht zu entwickeln. Damit sollen die Potenziale des digital unterstützen Lernens für pflegerisch relevante Erkenntnis- und Reflexionsprozesse erschlossen werden.  

Prof. Dr. Karsten D. Wolf
Prof. Dr. Karsten D. Wolf - Foto: Privat

Über welche Features/Lernmodule verfügt die CARO-Lernumgebung?

Wolf: Die CARO-Umgebung stellt drei Features bzw. Anwendungsmodule bereit: Ein Lehrkräfte-Dashboard, mit dem der Unterricht geplant und interaktiv durchgeführt werden kann, ein Präsentationsboard, mit dem - über einen angeschlossenen Beamer oder ein Interactive Whiteboard - die Plenarinformationen für die Gesamtgruppe dargestellt werden kann und drittens eine mobile App für die Lernenden, mit der die Arbeitsaufträge einzeln oder in Gruppen auf eigenen mobilen Endgeräten bearbeitet werden können.

 

"Die CARO-Umgebung sowie die inhaltlichen Lehr-/Lernangebot werden nach Beendigung des Förderzeitraums als Open Educational Ressource zur Verfügung gestellt."

 

Welche Projektbausteine gehören - neben der technischen Entwicklung – zum Projekt?

Logo CARO
CARO will die Potenziale des digital unterstützen Lernens für pflegerisch relevante Erkenntnis- und Reflexionsprozesse erschließen. Grafik: CARO

Darmann-Finck: Im Projekt werden zu drei thematischen Bereichen - Pflege von Menschen mit Demenz im Krankenhaus, Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen, transkulturelle Pflege - pflege- und mediendidaktisch fundierte Lehr-/Lernangebote entwickelt und mit der CARO-Umgebung umgesetzt. Diese konkreten Lehr-/Lernangebote demonstrieren exemplarisch, wie das CARO-CMS für den Pflegeunterricht genutzt werden kann.  Die inhaltliche und die technische Entwicklung sind dabei eng miteinander verschränkt. Das CMS stellt die Tools bereit, die erforderlich sind, um die pflegedidaktischen Zielsetzungen zu realisieren. Umgekehrt sind die Aufgabenstellungen an die medialen Potenziale angepasst. Beispielsweise können die Lernenden erworbene Fachkenntnisse zum Umgang mit der "besonderen Ungewissheit im pflegerischen Handeln am Beispiel von Menschen mit Demenz" anhand eines videographierten simulierten Experten- bzw. Expertinneninterviews sichern, wobei sie sich anhand von kurzen Video-Tutorials über die Erstellung von Videos informieren können.

Des Weiteren wird eine filmisch dargestellte komplexe Fallsituation zur Pflege von Menschen mit Demenz im Krankenhaus an verschiedenen Stellen gestoppt und die Lernenden ermitteln mögliche Handlungsalternativen aus der Perspektive der unterschiedlichen handelnden Personen und antizipieren jeweils wahrscheinliche Verläufe und Ergebnisse. Kurze persönliche Einschätzungen, die die Lernenden anhand einer offenen "Kartenabfrage" abgegeben haben, können direkt am Smartboard "geclustert" werden. Dichotome Ja/Nein-Abfragen oder variable Abfragen mittels eines Sliders mit Ergebnisdarstellung in Echtzeit bieten den Einstieg in differenzierte Diskussionen zu widersprüchlichen Anforderungen an Pflegende oder unterschiedlichen Einstellungen innerhalb der Lerngruppe.      

Welche Rückmeldungen und Impulse aus der Praxis haben Sie bereits bekommen?

Wolf: Die CARO-Lehr-/Lernangebote sowie die CARO-Umgebung werden parallel zur Entwicklung an verschiedenen Pflegeschulen erprobt und evaluiert. Die Rückmeldungen reichen von grundsätzlicher Ablehnung aufgrund der Nutzung eigener Endgeräte im Unterricht bis hin zur begeisterten Zustimmung. Die Lehrenden melden zurück, dass die Medien Foto und Film interessante neue Erkenntnismöglichkeiten bieten, der Unterricht mit dem CMS effektiv und zeitsparend gesteuert werden kann und die Lernenden alle gleichermaßen herausgefordert werden, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen, etwa durch Abfragetools. Die Lernenden schätzen die Möglichkeit, im Unterricht mit den für ihre Lebenswelt typischen Medien zu arbeiten und deren neue Nutzungsmöglichkeiten kennenzulernen. Derzeit arbeiten wir noch daran, die Bedienung zu vereinfachen, um den Lehrenden die parallelen Arbeitsprozesse der mündlichen Moderation des Lehr-/Lernprozesses sowie der digitalen Steuerung über das Lehrkräfte-Dashboard zu erleichtern.

Wie soll es mit dem Projekt nach dem Ende des Förderzeitraums 2019 weitergehen?

Darmann-Finck: Die CARO-Umgebung sowie die inhaltlichen Lehr-/Lernangebote werden nach Beendigung des Förderzeitraums als Open Educational Ressource zur Verfügung gestellt. Interessierte Lehrkräfte können dann nicht nur die vorhandenen Unterrichtsmodule durchführen, sondern sie können die Werkzeuge der CARO-Lernumgebung auch für die digitale Umsetzung eigener Unterrichtsinhalte nutzen.  Um die Potenziale der Lernumgebung für die Pflegeaus-, -fort- und –weiterbildung noch besser erschließen und die Lernumgebung optimieren zu können, hoffen wir auf eine weitere Förderung im Rahmen neuer Ausschreibungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

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