"Um digitale Medien in den Arbeitsprozess integrieren zu können, braucht es Medienkompetenzen"

Florian Gasch Portraitbild

Mit der fortschreitenden Digitalisierung stehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nahezu aller Branchen vor der Herausforderung, neue Kompetenzen erwerben zu müssen. Florian Gasch von der GAB München entwickelt in dem BMBF-geförderten Projekt MEDEA ein Konzept, wie dies arbeitsintegriert geschehen kann.

Das im April 2017 gestartete Projekt MEDEA ("Erfahrungsgeleiteter arbeitsintegrierter Erwerb von digitalen Medienkompetenzen in der berufsbegleitenden Qualifizierung") wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms "Digitale Medien in der beruflichen Bildung" gefördert. Am Verbundvorhaben beteiligt ist – neben den Technischen Universitäten Kaiserslautern und München, der ELABO GmbH und der Bayerischen Beamtenkrankenkasse AG - das Forschungs- und Beratungsinstitut GAB München, das sich auf den Bereich berufliche Bildung spezialisiert hat. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de stellt Florian Gasch, Forscher und Berater der GAB München, das Projekt vor.

qualifizierungdigital.de: Wie würden Sie den Begriff digitale Medienkompetenzen definieren und welche Rolle spielt er im Projekt MEDEA?

Gasch: Wenn wir von digitalen Medienkompetenzen sprechen oder - konkreter noch - von Kompetenzen für eine digitalisierte Arbeitswelt, meinen wir damit das Vermögen von Beschäftigten, digitale Medien und Technologien in ganz unterschiedlichen Handlungssituationen und Anwendungsbereichen sinnvoll und situationsangemessen zu nutzen, ihre Potentiale realistisch einzuschätzen und zu verstehen, sie in ihrer Wirkung kritisch zu reflektieren und zu steuern und digitale Medien und Technologien darüber hinaus auch aktiv und wirksam mitzugestalten.

Logo MEDEA

Im Mittelpunkt unseres Medienkompetenzbegriffs steht das Handeln, also die konkreten Verhaltensweisen einer oder eines Beschäftigten in einer konkreten Situation. Kompetenzen sind nicht etwas, das man 'hat', sondern etwas, das man in bestimmten Handlungssituationen 'zeigt'.

Im Projekt kommt dieses Kompetenzverständnis im doppelten Sinne zum Tragen: Zum einen fußt das Qualifizierungskonzept auf Ansätzen des arbeitsintegrierten Lernens, das heißt also: Mitarbeitende lernen mit digitalen Medien zu arbeiten, indem sie mit digitalen Medien arbeiten. Zum anderen haben wir im Projekt auf Basis von 25 Tiefeninterviews mit Führungskräften und Beschäftigten aus Produktion und Dienstleistung einen Kompetenzrahmen entwickelt. In Anlehnung an den europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen (DigComp 2.1) listen wir hier 33 Kompetenzen in neun Kompetenzfeldern auf, die wir für den fähigen Umgang mit digitalen Technologien als relevant erachten. Dieser Kompetenzrahmen bietet den TeilnehmerInnen der MEDEA-Qualifizierung auch eine Orientierung, wenn diese im Anschluss an die Qualifizierung ihre individuellen Kompetenzzuwächse bilanzieren.

 

"Kompetenzen sind nicht etwas, das man 'hat', sondern etwas, das man in bestimmten Handlungssituationen 'zeigt."

 

An welche Zielgruppe richtet sich die MEDEA-Qualifizierung und warum können digitale Medien gerade für diesen Personenkreis einen Mehrwert entfalten?

Über so gut wie alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg werden Beschäftigte zunehmend in ihrem Arbeitsalltag mit der Digitalisierung ihrer Arbeit konfrontiert. Um digitale Medien so in den Arbeitsprozess integrieren zu können, dass sie den gewünschten Mehrwert entfalten, braucht es Medienkompetenzen, die es den Beschäftigten ermöglichen digitale Medien in ihrem Arbeitsalltag zu nutzen, ihre Potentiale zu verstehen, sie mitzugestalten und sie in ihren Wirkungen zu reflektieren.  Insofern richtet sich die MEDEA-Qualifizierung an einen breiten Kreis von Anwenderinnen und Anwendern digitaler Technologien, die diese in ihrem Arbeitsalltag einsetzen, um ihre Tätigkeiten zu erfüllen. Wir adressieren also explizit Personen, die als klassische User gelten - in Abgrenzung zu Experten wie etwa Systeminformatikern und -informatikerinnen, deren Arbeitsgegenstand digitale Medien selbst sind.   

Was ist unter dem Medienbildungskonzept, das im Rahmen des Projekts entwickelt wurde, zu verstehen und auf welche Weise ermöglichen sie erfahrungsgeleitetes und arbeitsintegriertes Lernen?

Das Medienbildungskonzept von MEDEA ermöglicht es Beschäftigten, genau die Medienkompetenzen zu erwerben, die sie in ihrem Arbeitsalltag durch die Herausforderungen der täglichen Arbeit benötigen. Umgesetzt wird es durch eine mehrmonatige Qualifizierungsreihe, im Rahmen derer Gruppen von sechs bis zwölf Beschäftigten sich mit dem Einsatz digitaler Medien in der eigenen Arbeit auseinandersetzen.

Das Konzept setzt neben Lernprojekten in der Echtarbeit - also arbeitsintegriertem Lernen - vor allem auf Ansätze des erfahrungsgeleiteten Lernens; das heißt, die Qualifizierung greift nicht nur die vorhandenen Erfahrungen der Lernenden aktiv auf, sondern fördert auch eine umfassende Erfahrungsfähigkeit im Umgang mit digitalen Medien und Technologien. Gleichzeitig nutzen wir dabei die vorhandenen digitalen Arbeitsmedien als Lernmedien, schaffen also keine digitalen Parallelwelten, sondern setzen auf den vorhandenen Arbeitsmedien auf.

 

"Die Qualifizierungselemente sind so angelegt, dass der Lernprozess auch von seiner sozialen Einbettung lebt."

 

Aus welchen Elementen besteht die MEDEA-Qualifizierung?

Der Qualifizierungsansatz von MEDEA besteht aus insgesamt sechs Elementen. Im Zentrum des Lernens stehen Veränderungsprojekte als Lernprojekte, die die Lernenden selbst entwickeln und umsetzen und die auf den zu erprobenden Einsatz von digitalen Medien in der eigenen Arbeit abzielen. Dabei sind die Inhalte und auch die verwendete digitale Technik in diesen Lernprojekten sehr stark von der individuellen Arbeitssituation der Lernenden abhängig.

Unterstützt werden die Teilnehmenden durch eine flexibel und situativ gestaltete Lernprozessbegleitung. Diese greift auf verschiedene Lernformate zurück, die jeweils wechselweise digital und analog umgesetzt werden:

Bausteine des Medienkonzeptes MEDEA
Übersicht der Bausteine des MEDEA-Medienbildungskonzepts. Grafik: © MEDEA

Selbstlernimpulse initiieren und strukturieren die Lernprozesse in der Arbeit. Dabei kann es sich um Selbstreflexionsfragen, um Erkundungs, Planungs- oder Erprobungsaufgaben handeln.

Peer-Lernen verbindet das Ausprobieren von bestimmten Vorgehensweisen mit gemeinsamer Reflexion der Lernenden untereinander. Dies kann etwa der regelmäßige Austausch über ein digitales Medium sein oder ein kurzer Peer-Teaching-Prozess am Arbeitsplatz

Beim moderierten Gruppenlernen kommt die Lerngruppe immer wieder analog und digital zusammen, um sich über die in den Lernprojekten gemachten Erfahrungen auszutauschen, diese systematisch auszuwerten, mit Theorieinhalten zu verknüpfen und die nächsten Schritte zu planen.

Die Lernprozessbegleitung folgt dabei den Erfahrungen der Teilnehmenden und nicht anders herum. Impulse und Inputs werden gesetzt, wenn die Lernenden auf konkrete Fragen stoßen und diese aktiv benennen.

Der MEDEA-Qualifizierungsprozess schließt mit einer individuellen Kompetenzbilanzierung der Lernenden ab, die deren konkrete Tätigkeit im Rahmen der Lernprojekte zur Grundlage nimmt. Ergebnis dieser Bilanzierung ist die Befähigung der Lernenden, selbst über ihre Lernerträge zu sprechen und diese gegenüber Dritten zu vertreten.

Sind Anwenderinnen und Anwender der MEDEA-Qualifizierung beim Lernen auf sich allein gestellt?

Nein, der Qualifizierungsansatz ist zwar bewusst so gestaltet, dass die Lernenden ihn selbst steuern, aber das heißt nicht, dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf sich allein gestellt sind. Im Gegenteil: Die Qualifizierungselemente sind so angelegt, dass der Lernprozess auch von seiner sozialen Einbettung lebt.

Durch die bereits angesprochenen Elemente des Peer-Lernens und des Gruppenlernens unterstützen sich die TeilnehmerInnen in ihren Lernprozessen gegenseitig. Hinzu kommt die situative und bedarfsgerechte Unterstützung und Begleitung im Rahmen der Lernprozessbegleitung.

Neben den Kolleginnen und Kollegen sowie der Lernbegleitung spielen aber auch die jeweiligen Führungskräfte eine zentrale Rolle, damit die Lernenden nicht auf sich allein gestellt sind. Kurze Feedbackschleifen und ein agiles Vorgehen sorgen dafür, dass die individuellen Lernprojekte auch den Rückhalt der Führungskräfte haben und nicht Gefahr laufen, durch organisationale Fallstricke zu Stillstand zu kommen.

 

"Entwickelt und erprobt wurde der MEDEA-Ansatz in der Versicherungswirtschaft und der Elektroindustrie. Für die Zukunft widmen wir uns nun den Fragen der Übertragbarkeit in andere Unternehmen und Branchen."

 

Welche Rückmeldungen haben Sie von Anwenderinnen und Anwendern bereits bekommen?

Die Umsetzungserfahrungen haben gezeigt, dass sich bewährte Ansätze des arbeitsintegrierten Lernens – die wir in MEDEA als Grundlage nehmen – in Kombination mit dem Fokus auf die durch die Lernenden gemachten Erfahrungen besonders für den Erwerb von Kompetenzen für eine digitalisierte Arbeitswelt eignen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Pilotqualifizierungsreihen haben beschrieben, dass sie Folgendes durch die Qualifizierung gelernt haben:

  • die Chancen und Risiken digitaler Medien besser bewerten zu können,
  • eine Routine im Umgang mit digitalen Medien entwickelt zu haben,
  • den Einsatz digitaler Medien passgenau für die eigene Arbeitssituation gestalten zu können,
  • und sich besser mit dem Thema Digitalisierung und seiner Auswirkung auf die eigene Arbeit identifizieren zu können.

In welcher Phase befindet sich das Projekt derzeit und was ist für die Zukunft geplant?

Aktuell befinden wir uns am Ende der sogenannten "Release-Phase", in der wir die im ersten Schritt entwickelten und erprobten Ansätze mit zwei weiteren Gruppen getestet haben. In dieser Phase haben wir das Augenmerk vor allem auf Möglichkeiten und Grenzen des asynchronen bzw. ortsunabhängigen Gruppenlernens gelegt. Nach dem erfolgreichen Abschluss dieser Release-Phase steht für uns der Transfer im Vordergrund.

Entwickelt und erprobt wurde der MEDEA-Ansatz in der Versicherungswirtschaft und der Elektroindustrie. Für die Zukunft widmen wir uns nun den Fragen der Übertragbarkeit in andere Unternehmen und Branchen. Zentral sind hier die Fragen nach den erforderlichen organisationalen Rahmenbedingungen, der Verstetigung im Rahmen der PE-Arbeit und der Ausbildung unternehmensinterner LernbegleiterInnen.

Darüber hinaus geht es jetzt natürlich auch darum unsere Projektergebnisse einer breiten (Fach-) Öffentlichkeit zugänglich zu machen und für einen erfahrungsgeleiteten und arbeitsintegrierten Ansatz beim Erwerb von digitalen Medienkompetenzen zu werben.

Bildnachweis: Thinkstock (DAJ) / GAB München